Karsten's erster Gastflug

Am Pfingstmontag diesen Jahres hatte ich das außerordentliche Vergnügen meinen Vater durch die Lüfte zu kutschieren. Als frischgebackener Scheininhaber eine aufregende Sache, denn zum ersten Mal saß hinter mir jemand, der vom Fliegen keine Ahnung hat.
Begonnen hat das ganze, als mir die Idee eines Thermik-Rundfluges über Tarmstedt als Geburtstagsgeschenk für meinen Vater kam. Er war zu dem Zeitpunkt der Einzige in unserer Familie, den ich noch nicht von einem Segelrundflug über Tarmstedt überzeugen konnte. Seiner Zeit war ich noch in dem Glauben, dass ich, um Gäste jeglicher Art fliegen zu dürfen, mindestens ein Jahr Scheininhaber sein muss und hierfür eine Berechtigung von Fluglehrern und Vorstand benötige. Also schenkte ich einen Rundflug mit der Erwähnung, ein erfahrener Pilot würde sich seiner annehmen und ihm die Landschaft von seiner schönsten Seite zeigen, nämlich aus der Luft. Ein Unterfangen, worauf er sich längere Zeit vorbereiten musste und ich immer wieder Gut-Zureden musste, denn er hat Höhenangst und konnte nicht glauben, dass es ihm in einem Segelflugzeug gut ergehen könnte.

Ich versicherte, es würden für den Ernstfall entsprechende Tütchen bereitstehen und im Falle von höhenängstlichen Anzeichen der Pilot umgehend landen würde. Mulmig war ihm schon, denn er versuchte anfangs den Flug um ein Jahr zu verzögern um mit seinem Sohn fliegen zu können. Doch schließlich akzeptierte er, dass ich ihn zum derzeitigen Zeitpunkt nicht persönlich fliegen kann und freute sich zunehmend auf den Tag. Umso interessanter wurde es, als ich erfuhr, mit Erlaubnis des diensthabenden Fluglehrers Familienangehörige auch jetzt schon fliegen zu dürfen. Gemein wie ich bin, hab ich gegenüber meiner Familie geschwiegen und wollte mir die dummen Gesichter nicht entgehen lassen, wenn anstelle eines fremden Piloten, meiner einer sich zu ihm ins Flugzeug gesellt. So schaffte ich es dann auch, sie an jenem Tage davon zu überzeugen, dass der zuvor getätigter Flug ihrer Unterhaltung galt. Eigentlich war dies aber ein Überprüfungsstart, damit der Fluglehrer ruhigen Gewissens mich zusammen mit einem Gast bei diesem doch recht böigem Wetter fliegen lässt. Jener Flug dauerte nur 7 Minuten, denn ich bin absichtlich ins Saufen geflogen, um schnellstmöglich wieder runter zu kommen. Gar nicht so einfach, denn thermisch gesehen ging es zu dem Zeitpunkt recht gut und alle früher gestarteten Flieger blieben alle deutlich länger oben, nur ich nicht. Im Nachhinein wunderte sie sich über mein Verhalten, registrierten es aber zu jenem Zeitpunkt nicht.

Nach der Landung bereitete ich also den Flieger vor, ließ meinen Vater Platz nehmen, schnallte ihn an und erklärte ihm die wichtigen Dinge, die man als Gast beachten muss. An der Winde gab es anscheinend ein kleines Problem, denn die Seile ließen auf sich warten. Während ich also neben dem Flieger stand, gab man mir das OK für den Gastflug. Auf die Frage, wo denn sein Pilot bleibt, antwortete ich, dass jener gerade auf Klo gegangen sei und bald vor ihm Platz nehmen würde. Als der Seiltrecker nun sichtbar näher rückte, schnallte ich mir endlich den Fallschirm um, setzte mich in das Flugzeug und konnte mir das Grinsen kaum unterdrücken. Anders als erwartet, schaute nicht mein Vater dumm aus der Wäsche, sondern meine Mutter, die zuvor in aller Ruhe Fotos schoss.

Ihr Gesicht änderte sich schlagartig. Sie konnte wohl kaum fassen, was ich da trieb. Aber nun gut: Ich erzählte meinem etwas verstutzten Vater nach Schließen der Hauben, dass ich ihn doch fliegen dürfe und so straffte sich das Seil langsam, worauf es dann auch schon los ging und ich von hinten nur ein leichtes freudiges Kreischen wahrnehmen konnte.

Nach dem Ausklinken erkundigte ich mich nach seinem Befinden und ein eindeutiges "Geil" von hinten bewies mir, es geht ihm gut und ich konnte uns einen Bart suchen. So viele Fragen, wie während dieses Fluges, hab ich selten gestellt bekommen und beantwortete sie. Es war mir eine Freude ihn mit Informationen rund um den Flug, was ich gerade warum tue etc. zu füttern. Ich sagte ihm auch mehrfach, wenn es ihm nicht gut geht, soll er es sagen und wir landen, aber dies fand er alles andere als passend und so beförderte ich uns auf 1400 Meter und überzeugte ihn, dass die Erde von oben doch viel schöner anzusehen ist.

Auch mit diversen Übungen, wie Schnellflug, hochgezogene Fahrtkurve, Slippen und Sackflug konnte man ihm die Begeisterung nicht rauben - ganz im Gegenteil. Nach über einer Stunde Thermikflug landeten wir dann und er freute sich, dass er keine Höhenangst bekam und einen großen Einblick genießen konnte, in das, was ich mit voller Leidenschaft in meiner Freizeit treibe. Am selben Abend noch fragte er mich, wann wir wieder zusammen in die Lüfte steigen werden….

Anbei noch einen Dank an Rolf, der meine nervös am Platz herumirrende Mutter beruhigte und ihr versicherte, dass es uns beiden Petzis dort hoch oben am Himmel gut geht.

Wo wir sind ist oben!

Ein Bericht von Karsten Petzold               Bremen, den 16.6.03